Rückenwind | Juli 2021

 

Liebe Freundinnen und Freunde der BürgerStiftung Hamburg,

 

wer hätte im März 2020 gedacht, dass Corona uns alle so lange im Griff haben würde? Neben allen Herausforderungen gibt es jedoch glücklicherweise auch viele Lichtblicke: Über Fonds „Hamburger Spielräume“ konnten wir bereits mehr als 300 Projekte für sozial benachteiligte Kinder fördern. Zudem bemerken ein verstärktes Interesse an einem Ehrenamt. Allein im zweiten Lockdown warteten sechs neue Tandems bei unserem Mentoringprojekt „Yoldaş“ darauf, miteinander starten zu können. Zugleich sind unsere großzügigen Stifter*innen und Spender* innen der BürgerStiftung Hamburg treu geblieben. Dafür sind wir sehr dankbar. Dadurch gestärkt, setzen wir unsere wichtige Arbeit auch in schwierigen Zeiten fort. Lesen Sie mehr in unserem neuen Rückenwind!

 

Dr. Dagmar Entholt-Laudien

 

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Aus Vertrauen wächst Selbstvertrauen

Menschen stärken Menschen bei Patenschaftsprojekten

 

Wenn Simone Fahrenholz über den 14-jährigen Berat spricht, wird schnell klar, wie viel die beiden verbindet. „Man wächst mit der Zeit mehr zusammen, als ich mir das am Anfang selbst vorstellen konnte.“ Seit fünf Jahren trifft sie sich regelmäßig mit Berat, meist wöchentlich. „Bei unserem ersten Treffen habe ich ihn von der Schule abgeholt und wir sind spazieren gegangen, und das machen wir heute noch“, erzählt Simone. „Da kommt man schon ins Reden.“

 

Simone ist Berats Mentorin. Bei unserem Patenschaftsprojekt „Yoldaş“, über das sich Simone und Berat gefunden haben, kommen ein Erwachsener und ein Kind aus einer türkischsprachigen Familie als Tandem zusammen. Gemeinsam erkunden sie Hamburg, besuchen Ausstellungen, kochen, spielen, haben Spaß und eröffnen einander neue Perspektiven. „Yoldaş“ ist das türkische Wort für „Weggefährt*in“.

 

Mentoringprojekte wie dieses brauchen gute Rahmenbedingungen und Begleitung. Genau darum kümmern wir uns mit unserem Programm „Landungsbrücken – Patenschaften in Hamburg stärken“. Zum einen unterstützen wir 18 Hamburger Patenschaftsprojekte finanziell. Zum anderen bieten wir eine Plattform, auf der sich Projektkoordinator*innen und Mentor*innen vernetzen, austauschen und an unseren Fortbildungsveranstaltungen teilnehmen können. Ermöglicht wird unser Engagement vor allem durch Mittel aus dem Programm „Menschen stärken Menschen“, das vom Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend ins Leben gerufen wurde. Mentoring stärkt Menschen in verschiedenen Lebenssituationen: Neben Tandems mit Kindern aus schwierigen sozioökonomischen Lebensverhältnissen gibt es zahlreiche Projekte für Migrant*innen und Geflüchtete. Der Fokus der Patenschaften kann in den Bereichen Alltag und Wohnen, Lesen und Sprache, Freizeit und Kultur sowie Bildung und Arbeit liegen. Gerade auch wenn es darum geht, einen passenden Beruf zu finden und Bewerbungen zu schreiben, benötigen sozial benachteiligte junge Menschen Unterstützung.

 

Das zeigt auch unser letzter Hamburg imPULS-Bericht, in dem wir das Thema „Erwachsenwerden in Hamburg“ untersuchen. Deswegen fördern wir auch Patenschaftsprojekte, die Jugendliche gezielt bei der Suche nach einem Ausbildungsplatz unterstützen. Besonders erfolgreich sind Patenschaften zur Berufsorientierung, wenn sie der Beziehung zwischen Berater*in und Schüler*in Raum zum Wachsen geben. Wie bei der „Jobbrücke“ in Schnelsen, die wir seit vielen Jahren fördern: „Ein Coach wird fest einer Klasse zugeordnet, sodass ein Vertrauensverhältnis entstehen kann“, erklärt Dagmar Waltz, Koordinatorin
des Projekts. „Die Schüler*innen merken dann: Da ist jemand, der nimmt sich so oft Zeit für mich, wie ich es brauche. Und natürlich motivieren unsere Coaches immer wieder in dem oft mit Zweifeln belasteten Bewerbungsprozess.“ Denn mit Begleitung, Vertrauen und Zuspruch lassen sich Herausforderungen viel besser
angehen.

 

So war das auch bei Simone und Berat – mit greifbaren Erfolgen: „Berat hat es auf das Gymnasium geschafft“, berichtet Simone. Bei schwierigen Schulaufgaben holt sich Berat Hilfe bei ihr. „Ich versuche schon, ihn zum Lernen zu motivieren“, erläutert sie. Simone hat Berat zugetraut, dass er den Wechsel aufs Gymnasium schafft, und Vertrauen schafft eben auch Selbstvertrauen.

Weitere 430.000 Euro für „Hamburger Spielräume“

Gemeinschaftsfonds setzt die Förderung von außerschulischen Projekten in der Coronakrise fort

 

Endlich mal wieder das Glück spüren, Teil einer Fußballmannschaft zu sein, auf dem Bauspielplatz gemeinsam eine Hütte zu bauen oder als geführte Forschergruppe Insekten in der Feldmark zu erforschen: Solche Freizeitaktivitäten vermitteln Kindern und Jugendlichen wichtige, positive Erfahrungen und finden in sozial benachteiligten Familien oft nicht oder nur selten statt – besonders in Pandemiezeiten. Mit dem Fonds „Hamburger Spielräume“ fördern wir solche außerschulischen Aktivitäten. Die BürgerStiftung Hamburg und weitere 16 Stiftungen stellen dafür erneut 430.000 Euro zur Verfügung, damit sind es seit Einrichtung des Fonds insgesamt 725.000 Euro.

 

Die „Hamburger Spielräume“ sind im Juni 2020 als Reaktion auf die Coronapandemie entstanden. Die BürgerStiftung Hamburg koordiniert und verwaltet den Fonds und das Antragsverfahren. Es wurden bisher rund 300 Projekte der offenen Kinder- und Jugendarbeit gefördert, bei denen junge Hamburger*innen gemeinsam aktiv sind, sich sportlich oder kreativ betätigen und dabei viel lernen. Zum Beispiel beim Kunstschweißen auf dem Bauspielplatz in Bahrenfeld – hier können Kinder und Jugendliche bei einem mehrtägigen Workshop erfahren, wie sich aus Schrott Kunst machen lässt. Oder beim Kinder-Outdoor-Treff von „Die Stadtinsel e. V.“ immer freitags in Kirchdorf-Süd: mit Spielen, Workshops und Zeit zum Reden. „Die Kinder erzählten uns, dass sie auch an anderen Tagen auf unserem Platz auf der Wiese warteten, in der Hoffnung, dass wir kommen würden“, berichten die Projektleiter. Der Wunsch, wieder rauszukommen, kreativ zu sein, Spaß zu haben und Zusammenhalt zu erleben, ist offensichtlich groß und Angebote wie diese treffen auf rege Nachfrage.

Sprung über die Elbe

Dependance der BürgerStiftung Hamburg in Harburg eröffnet

 

Das Ladenlokal im Hinzeweg 1 liegt in einer ruhigen Sackgasse im Harburger Stadtteil Heimfeld. Von außen eher unauffällig, strahlt das ehemalige Atelier innen viel Behaglichkeit aus. Ein Sofa beherbergt das „HinZimmer“, eine kleine Küchenzeile, Tisch und Stühle, Malutensilien und viele Bücher, die Lust machen auf das Hören und Erzählen von Geschichten. Die neue Dependance steht als Ort für Austausch und Kultur allen interessierten Harburger*innen offen. Kinder aus dem Stadtteil sind zu regelmäßigen Vorlesestunden eingeladen. Die ehrenamtlichen Harburger Vorleser*innen unseres Projekts „LeseZeit“ können sich hier zweimal in der Woche über Bücher, Erfahrungen und Ideen austauschen. Lokale Vereine und Initiativen können das Ladenlokal für Treffen oder kleine Veranstaltungen nutzen.

 

Zur Eröffnung stand eine Fensterlesung mit Figurentheater von und mit Petra Albersmann auf dem Programm. Kinder ab vier Jahren waren eingeladen, auf dem Platz vor dem HinZimmer mit dem nötigen Abstand zueinander spannende Märchen aus aller Welt zu hören – weitere Vorstellungen gibt es vom 16. Juli bis 4. August immer montags, mittwochs, freitags um 14 Uhr, der Eintritt ist frei. „Aktuell läuft der Betrieb noch unter Coronabedingungen draußen“, so Cornelia von der Heydt, Leiterin des Projekts „LeseZeit“, „doch nach den Sommerferien können es sich die Kinder hoffentlich auch drinnen bequem machen, Geschichten hören, sich dazu austauschen, singen und malen.“

 

Für Mia Weselmann, Leiterin der Projektabteilung, hat das „HinZimmer“ auch Pilotcharakter: „Mit einem eigenen Standort vor Ort können wir die Menschen und Projekte im Quartier noch besser kennenlernen, weiteren Förderbedarf erkennen und Kooperationspartner finden. Und wenn es in Harburg gut läuft, dann werden wir in Zukunft vielleicht auch noch in anderen Stadtteilen Anlaufstellen schaffen.“

Unser Schulprojekt ['You:sful] trotzt Corona

Schüler*innen geben Feedback zu „Lernen durch Engagement“

 

Bei unserem Schulprojekt ['You:sful] ist der Fachunterricht mit einem passenden gemeinnützigen Engagement verbunden. 800 Schüler*innen von der 3. bis zur 12. Klasse engagieren sich für soziale Einrichtungen, die Umwelt und vieles mehr – normalerweise. Doch was lief in den Schulen seit März 2020 schon normal! Was war trotz der Kontaktbeschränkungen möglich und konnte ['You:sful] dennoch seine Wirkung entfalten? Das Ergebnis unserer diesjährigen Befragung von 150 Schüler*innen war erfreulich: „Lernen durch Engagement“ trotzt Corona. Die meisten Kurse nutzten die Lockdown-Zeit, um ihre Ergebnisse und Erfahrungen zu dokumentieren und zu reflektieren. Andere stellten auf kontaktloses Engagement um: Statt in der Kita zu helfen, sammelten Klassen z. B. für das Winternotprogramm oder warben Stammzellspender*innen. Die Schüler*innen lernen gern durch Engagement, zumeist lieber, als im klassischen Schulunterricht, was auch an der hohen Eigenverantwortlichkeit liegen dürfte: Beinahe alle Befragten gaben an, bei der Planung und Durchführung der Projekte mitzubestimmen. Vielen Kommentaren ist zu entnehmen, dass „Lernen durch Engagement“ zu ihrem Selbstbewusstsein beigetragen hat. Besonders gern setzen sich die Jugendlichen übrigens für Klima- und Umweltschutz ein. In diesem Schuljahr errichteten sie Vogelnistplätze in Altona und organisierten einen Container für nachhaltige Wiederverwertung von Altkleidern in Poppenbüttel.

"Besonders gut hat mir gefallen, dass wir sehr frei arbeiten durften und am Ende wirklich Menschen geholfen haben."
Feedback aus einem unserer Fragebögen

Freude über großzügige Spende

Förderung wichtiger Projekte für benachteiligte Kinder und Familien dank engagierter Förderin auch in der Coronakrise gesichert

 

In den vergangenen Monaten haben unsere Projekte von einer Großspende profitiert, mit der unsere Förderin Ingrid Sommer die BürgerStiftung Hamburg bedacht hat und für die wir außerordentlich dankbar sind. Die Mittel haben wir in Absprache mit der Spenderin für Projekte eingesetzt, die gerade im Zusammenhang mit der Coronakrise, in der junge Menschen unter Isolation und Lerndefiziten leiden, einen wirkungsvollen Ausgleich schaffen. Zu den geförderten Projekten zählen die Musik- und Tanzprojekte „Lukulule“ und „Step by Step“. Ein weiterer Teil der Zuwendungen ist in Förderprojekte unseres Themenfonds „Hamburger Anker“ geflossen, die Familien in schwierigen Situationen entlasten, begleiten und beraten – auch hier besteht derzeit besonders hoher Bedarf. Die finanziellen Zuwendungen unserer Förderer sind für die Projektarbeit unverzichtbar. Viele Menschen, die sonst gern und zuverlässig spenden, haben allerdings aufgrund der Pandemie geringere finanzielle Mittel zur Verfügung. Umso wichtiger ist die Spendenbereitschaft derer, die auch in dieser Krise großzügig sein können.

Neue Namens- und Zweckzustiftung unter dem Dach der BürgerStiftung Hamburg

Clemens De Grahl Zustiftung fördert Bildungsprojekte und gesundheitliche Versorgung von Kindern

 

Es gibt vielfältige Motive dafür, sich stifterisch zu engagieren. Manche Stifter*innen richten ihre Zustiftungen oder Treuhandstiftungen zur Erinnerung an einen verstorbenen Angehörigen ein. So ist es auch bei der Clemens de Grahl Zustiftung, die von den Stifterinnen in Gedenken an ihren verstorbenen Sohn und Bruder in das Stiftungskapital der BürgerStiftung Hamburg übertragen wurde. Mit den Erträgen dieser Namens- und Zweckzustiftung werden Bildungsprojekte für sozial benachteiligte junge Menschen sowie die gesundheitliche Versorgung von Kindern gefördert.

 

Clemens de Grahl war ein leidenschaftlicher Arzt. Zuletzt als Facharzt für Anästhesie und Intensivmedizin auf der Kinderintensivstation der Charité tätig, kümmerte er sich über seine eigentliche medizinische Tätigkeit hinaus intensiv um Kinder, deren Eltern manches nicht zu leisten vermochten. So beantragte und organisierte er Anschlussbehandlungen und übernahm die bürokratischen Anforderungen. Es wäre in seinem Sinne, dass weiter ein Beitrag zur Förderung von Heranwachsenden geleistet und dabei insbesondere die so wichtige Beziehung zwischen Kindern und Eltern gestärkt wird, wie es sich beispielsweise der von der BürgerStiftung Hamburg geförderte Verein „Von Anfang an“ zur Aufgabe gemacht hat.

 

Den Stifterinnen ist es ein besonderes Anliegen, die Arbeit der Projekte, an die die Mittel fließen, genauer kennenzulernen und zu begleiten.